Charles Chaplin

ÔĽŅ
Charles Chaplin
Charles Chaplin
 
Es gibt in der un√ľbersehbaren Literatur √ľber Chaplin keinen Superlativ, der nicht auf ihn angewendet worden w√§re. Die bedeutendsten Regisseure verschiedener L√§nder und Generationen, wie Sergei Eisenstein, Jean Renoir, Ren√© Clair, Stanley Kubrick, Jean-Luc Godard, Jerry Lewis, haben den Autodidakten Chaplin als das √ľberragende Genie anerkannt. Chaplin ist vielleicht der einzige Filmk√ľnstler in der Geschichte dieses Mediums, dem die Vers√∂hnung zwischen massenmedialem Produkt und k√ľnstlerischem Werk vollkommen gelungen ist.
 
Charles Spencer Chaplin wurde am 16. April 1889 in London als Sohn von Hannah Chaplin, geborene Hill (* 1865), und Charles Chaplin sen. (* 1863) geboren. Sein k√ľnstlerisches Talent erbte er von beiden Eltern, die beliebte Music-Hall-K√ľnstler waren. Die Mutter (K√ľnstlername: Lily Harley) tanzte, trug Couplets vor und war als Imitatorin sehr gesch√§tzt; der Vater hatte mit seiner sch√∂nen Baritonstimme gro√üen Erfolg als S√§nger. Die Eltern trennten sich bald nach der Geburt von Charles, der gemeinsam mit seinem vier Jahre √§lteren Halbbruder Sydney (‚úĚ 1965) bei der Mutter aufwuchs. Als Hannah Chaplin durch √úberanstrengung ihre Stimme verlor und nicht mehr engagiert wurde, geriet sie mit den S√∂hnen in gr√∂√üte finanzielle Not, zumal Chaplin sen. mit den Unterhaltszahlungen sehr s√§umig war. Von 1895 bis 1898 wurde sie mehrfach in die Armenh√§user in Lambeth und Newington eingewiesen, Charles und Sydney wurden in die Waisenhausschule Hanwell gesteckt, wo Charles wegen der harten und ungerechten Erziehungsmethoden (Pr√ľgelstrafe) sehr ungl√ľcklich war. Diese Aufenthalte zerr√ľtteten die Gesundheit der Mutter weiter, die nur noch f√ľr immer k√ľrzere Zeiten selbstst√§ndig mit ihren Kindern zusammenleben und f√ľr sie sorgen konnte. Zu ihrem Vater hatten die Br√ľder keine gute Beziehung, doch hingen sie sehr an der Mutter, die fr√ľh ihr Interesse f√ľr das Theater weckte.
 
 Anfänge am Theater
 
Schon mit neun Jahren trat Charles im Theater auf: Er wurde 1898 durch die Vermittlung seines Vaters Mitglied der Kindertanzgruppe ¬ĽLancashire Kids¬ę in Manchester. Hier erwachten seine Neigung zur Komik und sein Ehrgeiz, er musste jedoch die Truppe anderthalb Jahre sp√§ter wegen einer Asthmaerkrankung verlassen. 1901 starb der Vater an den Folgen der Trunksucht, und Sydney sorgte nun f√ľr den Unterhalt von Bruder und Mutter, die mehrfach in Irrenanstalten eingeliefert und 1905 f√ľr geisteskrank erkl√§rt wurde.
 
Charles war fast ganz auf sich allein angewiesen, trieb sich auf den Straßen herum und lernte das unterste soziale Milieu kennen, das er genau beobachtete. Er verdingte sich als Laufbursche, Zeitungsverkäufer, Drucker, Spielzeugmacher und sogar Glasbläser, um seinen Lebensunterhalt zu fristen.
 
Langsam besserten sich seine Lebensumst√§nde durch das Theater, das er fr√ľh als seine eigentliche Begabung erkannte. Er stellte sich in einer B√ľhnenagentur vor und spielte im Juli 1903 in ¬ĽJim, A Romance of Cockayne¬ę seine erste Rolle, den Zeitungsjungen Sammy, mit der er viel Lob erntete, sodass er noch im gleichen Monat den Laufburschen Billy in dem Erfolgsst√ľck ¬ĽSherlock Holmes¬ę √ľbernahm. Er wurde ein erfolgreicher Darsteller von Gassenjungen, bis er f√ľr diese Rollen zu alt wurde. Durch Sydneys Vermittlung, der 1903 zum Theater gegangen und seit 1906 Mitglied der bedeutendsten englischen Pantomimentruppe Speechless Comediens von Fred Karno war, kam auch Chaplin 1908 zu Karno. Dessen Pantomimen waren eine Mixtur aus Sketch, Clownspiel und Artistik und dem fr√ľhen Slapstickfilm eng verwandt. Die Br√ľder gingen mit der Truppe h√§ufig auf Tournee, sorgten aber f√ľr Hannah Chaplin. Nach dem 1. Weltkrieg holte Chaplin seine Mutter nach Hollywood, wo sie 1928 starb.
 
Bei Karno arbeitete Chaplin in dem Metier, das ihm kongenial war, der Pantomime. Hier schulte und entwickelte er seine schauspielerischen F√§higkeiten, entwarf komische Charaktere, erfand Gags, trainierte Akrobatik und entwickelte ein Gef√ľhl f√ľr pr√§zises Timing. Er spielte bald Hauptrollen in mehreren Sketchen (¬ĽMumming Birds¬ę, ¬ĽA Night in the Show¬ę) und stieg rasch zum Star auf. Im Herbst 1908 f√ľhrte ihn seine erste Auslandstournee nach Paris, von September 1910 bis Juni 1912 reiste er bei seiner ersten Amerikatournee quer durch die USA, von denen Chaplin begeistert war.
 
 Der Start beim amerikanischen Film
 
Gleich nach der R√ľckkehr ging Chaplin auf Tournee nach Frankreich, und noch im Oktober 1912 brach er zur zweiten USA-Tournee auf, die zur Schicksalswende f√ľr ihn wurde: Auf Anregung des Regisseurs Mack Sennett engagierten ihn die Inhaber der Keystone-Filmgesellschaft am 25. September 1913 f√ľr ein Jahr mit einer w√∂chentlichen Gage von 150 $, doppelt so viel, wie er bei Karno pro Woche erhielt. Ab Januar 1914 arbeitete er in den Keystone-Studios in Los Angeles und seine einzigartige Karriere begann. Sennetts Slapstickkom√∂dien gefielen Chaplin nicht sonderlich. Er fand sie ihres √ľberzogenen Tempos wegen f√ľr seine Art der Komik und sein langsameres Timing nicht geeignet.
 
Der zwischen pers√∂nlicher Sch√ľchternheit und starkem Selbstbewusstsein als K√ľnstler schwankende Chaplin hatte zun√§chst Schwierigkeiten bei der Filmarbeit. Er kam mit dem Regisseur Harry Lehrmann nicht zurecht und fand auch in dem gro√üen komischen Ensemble der Keystone Company nicht auf Anhieb seinen Platz.
 
Sein erster Film ¬ĽMaking a Living¬ę (¬ĽMan schl√§gt sich durch¬ę, 1914) zeigt ihn als Reporter in einer an Max Linders Stutzertypen erinnernden Aufmachung mit gro√üem Schnurrbart, Zylinder, Gehrock und Spazierstock. Doch schon f√ľnf Tage sp√§ter, am 7. Februar 1914, trat Chaplin in dem Kurzfilm ¬ĽKid Auto Races in Venice¬ę (¬ĽSeifenkistenrennen in Venice¬ę) in dem Legende gewordenen Trampkost√ľm auf, das ihn weltber√ľhmt machte: zu gro√üe Schuhe, zu weite Hose, zu enge Weste, Melone und nat√ľrlich der kurze Schnurrbart und das dandyhafte St√∂ckchen. Das in spontanem Genieblitz entworfene Kost√ľm wurde sp√§ter kaum mehr ge√§ndert, der Charakter des Tramps vertiefte sich aber erst nach und nach.
 
 Die ersten Regiearbeiten
 
Chaplin f√ľhrte bereits im April 1914 selbst Regie bei seinen Filmen, in denen er Autor, Hauptdarsteller, Regisseur, Cutter, bald auch Produzent und Komponist in einer Person war. Dieser unglaublich schnelle Aufstieg war nur m√∂glich, weil Chaplins Trampfigur und seine Komik beim Kinopublikum auf Anhieb sensationell erfolgreich waren und die Kinobesitzer dringend neue Filme mit dem kleinen Kerl mit der Melone verlangten: Der ¬Ľkomischste Mann der Welt¬ę war bereits nach einem Jahr und 35(!) Filmen der beliebteste Filmstar. Der jedes Ma√ü sprengende Erfolg Chaplins bei Menschen jeden Alters, jeder sozialen Schicht, in allen Kulturkreisen und L√§ndern, in denen Filme gezeigt werden, ist nur damit zu erkl√§ren, dass Chaplin als einzigem Filmschaffenden die Sch√∂pfung einer archetypischen Figur gelungen war. Der Tramp, dieser romantische Tr√§umer und melancholisch-sch√ľchterne Liebhaber, der ewige Verlierer und Getretene, der seine Niederlage nie akzeptiert, sich immer wieder erfindungsreich auf krass-anarchische Art wehrt und die Lacher auf seiner Seite hat, r√ľhrt an Tiefenschichten des Unbewussten. Er wird zur idealen Projektions- und Identifikationsfigur f√ľr unerf√ľllte W√ľnsche, Tr√§ume, Sehns√ľchte und Hoffnungen. Chaplins Filme entlasten von den Sorgen des Alltags, ohne dass Chaplin eine reine Traumwelt schuf. Vielmehr schlug er komische Funken gerade aus der kritischen Schilderung der oft genug erb√§rmlichen Verh√§ltnisse.
 
Chaplin l√∂ste sich schon in seinen ersten eigenen Filmen deutlich von Sennett. Er benutzte mehr Gro√üaufnahmen, nahm den mimischen Ausdruck zur√ľck und vermied √ľbertriebenes Grimassieren. Die k√∂rperliche Aktion wurde eleganter und t√§nzerischer, und die Gags wurden sinnf√§llig in den Handlungsablauf eingebaut. Chaplin schuf eine neuartige Kom√∂die der Emotionen: Die Beziehungen des Tramps zu den anderen Personen stehen im Vordergrund, Gef√ľhle und Gedanken werden mittels Pantomime und Kamera ausgedr√ľckt. Fast jeder Film zeigte die Fortschritte des jungen Filmemachers, der mit dem neuen Medium unerm√ľdlich experimentierte. Dabei kn√ľpfte er an den reichen Fundus des komischen Materials an, das er vom englischen Vaudeville mitbrachte: ¬ĽLaughing Gas¬ę (¬ĽLachgas¬ę) ist eine Sammlung komischer Gags zum Thema Zahnarztpraxis; in ¬ĽThe Property Man¬ę (¬ĽDer Requisiteur¬ę) spielt er den Requisiteur in einem Vaudeville-Theater, und in ¬ĽThe Rounders¬ę (¬ĽDie Zechtouristen¬ę) blickt er zur√ľck auf die Galerie von Trunkenbolden, die er bei Karno gespielt hat. Doch mit ¬ĽThe Face on the Bar Room Floor¬ę (¬ĽDas Gesicht auf dem Boden der Bar¬ę) wagte er sich bereits auf Neuland und versuchte, Kom√∂die mit Melodrama zu verbinden, und ¬ĽThe New Janitor¬ę (¬ĽDer neue Hausmeister¬ę) zeigt eine sehr subtile Handhabung von Kamera und Schnitt. Ende 1914 spielte er unter Sennetts Regie auch in der ersten abendf√ľllenden Filmkom√∂die ¬ĽTillie's Punctured Romance¬ę (¬ĽTillies gest√∂rte Romanze¬ę).
 
 Die Zeit der Unabhängigkeit
 
Chaplins Erfolg belegen die konkreten Zahlen: Ende 1914 schloss er einen Vertrag mit Essanay √ľber 15 Filme in einem Jahr und erhielt eine Wochengage von 1 250 $ plus einen Bonus von 10 000 $; beim n√§chsten Engagement bei Mutual stieg seine Wochengage auf 10 000 $ und der Bonus auf 150 000 $ f√ľr nur sieben Filme, die Chaplin mit mehr Zeit und gr√∂√üerer Freiheit produzieren konnte.
 
Er gr√ľndete eine eigene Produktionsfirma, mit der er ab 1917 f√ľr die First National mit √ľber einer Million Dollar Jahresgage acht zweiaktige Filme herstellte; kein Filmstar hat je vorher eine solche Gage erhalten. Er baute 1918 sein eigenes Studio in Hollywood und 1919 gr√ľndete Chaplin mit Mary Pickford, Douglas Fairbanks und David W. Griffith die Produktions- und Verleihfirma United Artists. Damit hatte Chaplin den letzten Schritt zur v√∂lligen Unabh√§ngigkeit getan. Er ist wohl der einzige Filmk√ľnstler, der sich eine solche Position erobern konnte.
 
Mit dem Erfolg stiegen aber auch Chaplins Anspr√ľche an seine Filme und seine Angst, die Gunst des Publikums und damit auch sein Verm√∂gen, das er in seine Produktionen investierte, zu verlieren. Daraus resultierte ein fast zwanghafter Wille zur Perfektion.
 
 Die Meisterwerke
 
Sobald Chaplin sein eigener Herr war, wurden seine Filme reifer, pers√∂nlicher, k√ľhner und sozialkritischer. In ¬ĽWork¬ę (¬ĽArbeit¬ę, 1915) ist der Tramp einem schweren Karren wie ein Maultier vorgespannt und wird mit der Peitsche angetrieben - ein eindringlicheres Bild ausbeuterischer Arbeit hatte es im Kino vorher nicht gegeben. Vor allem entwickelte er den Charakter des Tramps, der sich auch melancholische und r√ľhrende Eigenschaften zulegt, auch k√ľnstlerisch begabt ist und oft als Musikant auftritt. Chaplin wagte es, Kom√∂dien ohne Happyend zu drehen: In ¬ĽThe Tramp¬ę (¬ĽDer Tramp¬ę, 1915) bekommt der kleine Kerl das M√§dchen erstmals nicht zum Schluss; mit dem ber√ľhmt gewordenen Fu√ükick entschwindet er einsam und st√∂ckchenschwenkend auf einer staubigen Stra√üe unseren Blicken - ein von Chaplin vielfach variiertes Ende seiner Filme.
 
Die Jahre bei Mutual (1916/17) und First National (1918-1923) waren f√ľr Chaplin gl√ľcklich und sehr kreativ, es entstanden seine Meisterwerke ¬ĽThe Pawnshop¬ę (¬ĽDas Pfandhaus¬ę, 1916), ¬ĽThe Rink¬ę (¬ĽDie Rollschuhbahn¬ę, 1916), ¬ĽThe Cure¬ę (¬ĽDie Kur¬ę, 1917) und ¬ĽThe Immigrant¬ę (¬ĽDer Einwanderer¬ę, 1917); mit ¬ĽA Dogs Life¬ę (¬ĽEin Hundeleben¬ę, 1918) lieferte Chaplin eine sowohl komische wie tief bewegende soziale Studie; ¬ĽShoulder Arms¬ę (¬ĽGewehr √ľber¬ę, 1918) ist die bis heute beste Satire √ľber Milit√§r und Krieg, die Chaplin als engagierten Pazifisten ausweist und die zu Protesten gegen ihn in der amerikanischen Presse f√ľhrte. ¬ĽThe Idle Class¬ę (¬ĽDie feinen Leute¬ę, 1921) ist eine bissige Gesellschaftssatire, und in ¬ĽThe Pilgrim¬ę (¬ĽDer Pilgrim¬ę, 1923) weist der als Prediger verkleidete Tramp auch auf die religi√∂se Dimension der Figur hin: Er ist der neue David, der unerm√ľdlich gegen die ¬ĽGoliaths dieser Welt¬ę streitet. - Am 23. Oktober 1918 heiratete Chaplin die 16-j√§hrige Mildred Harris, die Ehe wurde im November 1920 geschieden. F√ľr die First National drehte Chaplin in fast zweij√§hriger Arbeit seinen ersten abendf√ľllenden Film ¬ĽThe Kid¬ę (1921), in dem er endg√ľltig die spezifische Mischung aus Melodrama und Kom√∂die fand, die ihm schon lange vorschwebte und mit der er das amerikanische Erz√§hlkino entscheidend beeinflusst hat. In Jackie Coogan, der durch den Film zu dem ber√ľhmtesten Kinderstar der Zeit wurde, fand Chaplin einen hoch talentierten Partner. Als Tramp konnte Chaplin die ganze Skala menschlicher Empfindungen darstellen. Der Film wurde ein Welterfolg.
 
1921 reiste Chaplin in den Osten der USA und nach Europa. Der enthusiastische Jubel, der ihm √ľberall entgegenschlug, lie√ü ihn erstmals seine ungeheure Popularit√§t erkennen. Nur in Deutschland, wo seine Filme wegen des Weltkriegembargos noch nicht gezeigt wurden, war er noch unbekannt, doch schon bald verfiel auch Deutschland in einen Chaplinrausch. In Berlin lernte er die Filmschauspielerin Pola Negri kennen, mit der ihn f√ľr kurze Zeit eine leidenschaftliche Beziehung verband. Zur√ľck in den USA inszenierte Chaplin ¬ĽA Woman in Paris¬ę (¬ĽDie N√§chte einer sch√∂nen Frau¬ę, 1923) mit Edna Purviance und Adolphe Menjou, eine Sittenkom√∂die, die zwar von der Kritik als Meisterwerk erkannt wurde, das dieses Genre erneuert und ihm sein modernes Gepr√§ge gibt, aber beim Publikum durchfiel, weil der Tramp hier nicht auftritt. Verbl√ľffend sind die neuartigen Charaktere in diesem Film: Der Schuft ist charmant und sympathisch, die Heldin zwar keine Hure (wegen der Zensur), aber auch nicht rein und unschuldig und der Held ist ein Schw√§chling. Noch heute modern ist die von Chaplin entwickelte neue Schauspieltechnik der ¬Ľexpressiven Zur√ľckhaltung¬ę.
 
Im Januar 1924 begann Chaplin mit den Vorbereitungen zu ¬ĽThe Gold Rush¬ę (¬ĽGoldrausch¬ę). Seine urspr√ľnglich vorgesehene Partnerin war Lita Grey (eigentlich Lolita McMurray). Chaplin verliebte sich in die knapp Sechzehnj√§hrige und heiratete sie nicht ganz freiwillig im November 1924, da sie von ihm schwanger war. Aus der von Beginn an ungl√ľcklichen Beziehung stammen die S√∂hne Charles jun. und Sydney jun. Im August 1927 wurde die Ehe geschieden. Die Scheidungsklage Lita Greys war Grundlage einer Hetzkampagne gegen Chaplin. Trotz der desolaten Situation konnte Chaplin ¬ĽGoldrausch¬ę (1925) mit Georgia Hale als Partnerin fertig stellen. Der Film zeigt ihn auf dem H√∂hepunkt seiner Kunst: Die Goldsuche als Parabel des menschlichen Lebens ist ebenso unvergesslich wie die Slapstickszenen, z. B. der gekochte Schuh (der aus Lakritz war), den er und sein Kumpel verspeisen, oder der Br√∂tchentanz, die vielleicht grazi√∂seste Szene, die Chaplin je gespielt hat. Handlung und Aussage des Films bilden eine unaufl√∂sliche Einheit mit den Gags, die alle aus lebensbedrohenden oder tragischen Situationen entwickelt werden (Hunger, Einsamkeit, Verlassenheit).
 
 An der Schwelle zum Tonfilm
 
Der danach begonnene Film ¬ĽThe Circus¬ę (¬ĽDer Zirkus¬ę) hatte am 6. Januar 1928 Premiere. Er verdient besonderes Interesse, weil Chaplin hier Wesen und Ursachen seiner Komik und seiner Wirkung thematisierte und dar√ľber reflektierte. Noch w√§hrend der Arbeit an ¬ĽCircus¬ę kam der Tonfilm auf und trat mit ¬ĽThe Jazz Singer¬ę (¬ĽDer Jazzs√§nger¬ę) im Oktober 1927 seinen Siegeszug an. Von dieser radikalen Umw√§lzung war Chaplin besonders betroffen, und er geriet in eine existenzielle Schaffenskrise, die sich in den langen Pausen zwischen den Filmen widerspiegelt. Zwar war seine Stimme, von der er sofort Probeaufnahmen machte, durchaus tonfilmgeeignet, aber seine Kunst war die Pantomime: Der Tramp ist stumm und eben deshalb √ľberall auf der Welt verst√§ndlich. Chaplin erkannte, dass er mit der immer an nationale und kulturelle Grenzen gebundenen Sprache die universale Figur aufgeben musste, und beschloss, als einziger Filmemacher √ľberhaupt, weiterhin Stummfilme zu drehen und die neue Tonspur nur f√ľr von ihm selbst komponierte Musik und Ger√§uscheffekte zu benutzen.
 
Die Herausforderung durch den Tonfilm steigerte seinen Zwang zur Perfektion, die Arbeiten an ¬ĽCity Lights¬ę (¬ĽLichter der Gro√üstadt¬ę) dauerten fast drei Jahre. Hier verband Chaplin die sozialkritische Geschichte eines Million√§rs, der nur in betrunkenem Zustand menschenfreundlich ist, mit der romantischen Liebe des Tramps zu dem blinden M√§dchen.
 
¬ĽLichter der Gro√üstadt¬ę (1931) wurde ein ungeheurer Erfolg. Chaplin reiste 1931 nach Europa, wo er √ľberall enthusiastisch gefeiert wurde. Seine Schaffenskrise war jedoch noch nicht beendet und er unternahm 1932 eine ausgedehnte Reise in den Fernen Osten. Chaplin interessierte und engagierte sich unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise zunehmend f√ľr Politik und soziale Fragen.
 
Zur√ľck in Hollywood begann er im M√§rz 1933 mit ¬ĽModern Times¬ę (¬ĽModerne Zeiten¬ę, 1936) seinen sozialkritischsten Film. Chaplin zeigte die r√ľcksichtslose Ausbeutung der Arbeiter, die Mechanisierung und Entindividualisierung des Menschen am Flie√üband und die Folgen massenhafter Arbeitslosigkeit. Der Film ist eine pr√§zise Analyse kapitalistischer Produktionsmethoden, wobei Chaplin auch die Rolle der Medien und des Staates untersuchte. Aus dem Tramp ist ein Flie√übandarbeiter geworden und erst, als die Maschine ihn verschluckt und wieder ausspuckt, wird er wieder zum alten, unangepassten Tramp, der sofort ein Chaos in der Fabrik anrichtet. In der rationalisierten und profitorientierten Welt ist kein Platz mehr f√ľr ihn, seine Integrationsversuche m√ľssen scheitern, sodass er schlie√ülich gemeinsam mit einer ihm ebenb√ľrtigen Gef√§hrtin der Zivilisation den R√ľcken kehrt und auf Nimmerwiedersehen unseren Blicken entschwindet.
 
Die Sensation seines letzten Stummfilms war Chaplins Stimme. Chaplin hat die Sprache auf geniale Weise in den Film integriert: Nur die Herrschenden verf√ľgen √ľber die Sprache, die zu Befehlen, zur L√ľge und zur Werbung missbraucht wird. Die Proletarier bleiben stumm, der Tramp spricht nicht, sondern singt, und zwar ein unverst√§ndliches Kauderwelsch, das nur durch die begleitende Pantomime verstehbar wird. Allerdings wurde der Film mit seinen hinrei√üenden Slapstickeinf√§llen erst im Lauf der Zeit zu einem der gro√üen Klassiker des Kinos.
 
 Die Tonfilmzeit
 
Chaplins neue Filmpartnerin und Lebensgef√§hrtin in den folgenden Jahren war Paulette Goddard. Sein Haus wurde zum gesellschaftlichen Mittelpunkt von Hollywood. Nach einer weiteren Reise nach Ostasien, auf der er und Paulette heirateten, begann Chaplin im Oktober 1938 mit der Arbeit an ¬ĽThe Great Dictator¬ę (¬ĽDer gro√üe Diktator¬ę, 1940), einer Satire √ľber Hitler und die Nazis.
 
Die Filmidee basiert auf der verbl√ľffenden √Ąhnlichkeit zwischen dem Tramp und Hitler. Im Dritten Reich waren die Filme des f√§lschlich als Juden diffamierten Chaplin verboten, bereits 1931 hatten SA-Verb√§nde Auff√ľhrungen von ¬ĽLichter der Gro√üstadt¬ę gest√∂rt. Chaplin hatte in seinem ersten Sprechfilm den Tramp in zwei Charaktere aufgespalten und spielte eine Doppelrolle: den kleinen, gutherzigen j√ľdischen Friseur und den brutal-grotesken Diktator Hynkel. In diesem ersten Antinazifilm des amerikanischen Kinos, gegen den es viele Widerst√§nde und Proteste auch in den USA gab, stellte Chaplin sehr realistisch den Nationalsozialismus und die von ihm ver√ľbten Gr√§uel dar. Vor allem Hitler hat er genau studiert, um ihn l√§cherlich zu machen, ohne dabei seine Gef√§hrlichkeit zu untersch√§tzen. Hynkel schreit, grunzt und spuckt seine verkauderwelschten Reden aus wie Munition und sein grotesker Tanz mit der Weltkugel zu Kl√§ngen von Wagners Lohengrin offenbart seine gr√∂√üenwahnsinnigen Machttr√§ume.
 
¬ĽDer gro√üe Diktator¬ę gilt als eine der bedeutendsten antinationalsozialistischen Satiren, dennoch hat Chaplin sp√§ter geschrieben, dass er den Film nicht gedreht h√§tte, wenn er die Wahrheit √ľber die Vernichtungslager gewusst h√§tte. In der Schlussszene machte Chaplin den Film zur politischen Trib√ľne und rief zum Widerstand gegen die faschistischen Diktatoren und zum Kampf f√ľr eine humane Welt auf. Die viel diskutierte idealistisch-k√§mpferische Rede ist 1940 begeistert aufgenommen und vielfach auch im Druck verbreitet worden, sie wurde als Appell an die USA (Kriegseintritt 8. Dezember 1941; Kriegserkl√§rung Deutschlands an die USA 11. Dezember 1941) aufgefasst, sich am Kampf gegen Nazideutschland aktiv zu beteiligen. Chaplin hielt die Rede auch bei politischen Kundgebungen und engagierte sich w√§hrend des Krieges f√ľr die Unterst√ľtzung der verb√ľndeten Sowjetunion und den Aufbau einer zweiten Front in Europa.
 
1942 wurde Chaplin von Paulette Goddard geschieden. Im selben Jahr brachte er die Tonfassung von ¬ĽGoldrausch¬ę heraus. W√§hrend der Vorbereitung von ¬ĽMonsieur Verdoux¬ę strengte die Schauspielerin Joan Barry eine Vaterschaftsklage gegen Chaplin an und er wurde wegen angeblicher Beg√ľnstigung der Prostitution angeklagt. Zwar wurde Chaplins Unschuld erwiesen (trotzdem wurde er zu Unterhaltszahlungen verpflichtet), doch lie√üen die Prozesse und Angriffe selbst ernannter Tugendw√§chter und Kommunistenj√§ger die Stimmung der amerikanischen √Ėffentlichkeit gegen Chaplin umschlagen und es begannen Jahre einer hysterischen Hexenjagd gegen ihn. Mitten in den bis 1945 andauernden gerichtlichen Auseinandersetzungen heiratete Chaplin in vierter Ehe am 16. Juni 1943 die erst 18-j√§hrige Oona O'Neill, Tochter des Dramatikers Eugene O'Neill. Mit ihr fand er sein Lebensgl√ľck und die Kraft, die Verleumdungskampagnen zu ertragen. 1944 wurde die Tochter Geraldine, das √§lteste der acht gemeinsamen Kinder, geboren.
 
In seiner modernen Version des Blaubart-Stoffes ¬ĽMonsieur Verdoux¬ę (1947) nahm Chaplin auch Stellung zu den Verfolgungen der letzten Jahre, vor allem aber zeichnete er ein pessimistisches Bild der modernen Zivilisation, die den staatlichen Massenmord zelebriert und legalisiert. Chaplin spielte dabei sowohl auf die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie an als auch auf den 2. Weltkrieg und die amerikanische Atombombe. Bei der herrschenden Anti-Chaplin-Stimmung fand der Film in den USA keine positive Resonanz, aber auch in Europa waren Publikum und Kritik von Chaplins d√ľsterer Ironie eher verst√∂rt.
 
 Nach Verfolgungen in den USA wieder in Europa
 
Die Hetze gegen Chaplin war mit Ende der Prozesse noch lange nicht beendet, die Presse forderte seine Ausweisung, und im Juli 1947 wurde er vor das ¬ĽKomitee zur Untersuchung unamerikanischer Bet√§tigung¬ę (¬ĽHouse of Un-American Activities Committee¬ę, Abk√ľrzung HUAC) geladen; sein Einsatz f√ľr die verb√ľndete Sowjetunion wurde ihm jetzt ebenso zum Verh√§ngnis wie seine Freundschaft zu kommunistischen K√ľnstlern. In einem ironischen Telegramm an das Komitee bezeichnete sich Chaplin als ¬ĽFriedenshetzer¬ę und plante, bei der Vernehmung im Trampkost√ľm zu erscheinen, worauf die Vorladung zur√ľckgenommen wurde.
 
Trotz der Belastungen schuf Chaplin von 1948 bis 1952 seinen Bekenntnisfilm ¬ĽLimelight¬ę (¬ĽRampenlicht¬ę), den er in London urauff√ľhren lie√ü (23. Oktober 1952). W√§hrend er sich auf der √úberfahrt dorthin befand, wurde ihm die Wiedereinreisegenehmigung in die USA entzogen. Chaplin entschloss sich, in Europa zu bleiben. 1953 bezog er mit der Familie sein Haus Manoir de Ban in Corsier-sur-Vevey am Genfer See. Er schnitt alle F√§den zu den USA ab, wo seine Filme fortan boykottiert wurden.
 
Die Auseinandersetzungen um Chaplin √ľberschatteten seine Filme; die Kritik fand ¬ĽRampenlicht¬ę nicht komisch genug und zu geschw√§tzig f√ľr das Genie der Pantomime. Dabei wurde √ľbersehen, dass Chaplin zu diesem Film die Musik f√ľr ein wunderbares Ballett geschaffen hat. Der Film erweist sich als eine tiefgr√ľndige Meditation √ľber das Altern und √ľber Rolle, Aufgabe und Sendung des Clowns, der bezeichnenderweise Calvero hei√üt (von calvary ¬ĽKalvarienberg¬ę), der andere Menschen erl√∂st und sich daf√ľr opfert. Die autobiografischen Bez√ľge des Films unterstrich Chaplin, indem er fast seine gesamte Familie, Freunde und Weggef√§hrten wie den genialen Filmkomiker Buster Keaton auftreten lie√ü. 1956 drehte Chaplin in London das Satyrspiel ¬ĽA King in New York¬ę (¬ĽEin K√∂nig in New York¬ę, 1957), in dem er bewies, dass seine komische Kraft und seine Erfindungsgabe ebenso wenig gebrochen waren wie sein politisches Engagement. In der brillanten Satire rechnete er schonungslos mit dem McCarthyismus ab und attackierte sowohl den American Way of Life als auch das neue bunte Medien- und Werbezeitalter. Mitten im Kalten Krieg ver√ľbelten ihm dies Publikum und Kritik und erst in den 70er-Jahren wurde der mutige Film als Meisterwerk erkannt.
 
Chaplin arbeitete unerm√ľdlich weiter: 1958 brachte er die ¬ĽChaplin Revue¬ę heraus, eine Zusammenstellung fr√ľher Filme, 1964 ver√∂ffentlichte er seine Autobiografie, 1966 drehte er seinen letzten Film, die ironisch-elegante Gesellschaftskom√∂die ¬ĽA Countess from Hong Kong¬ę (¬ĽDie Gr√§fin von Hongkong¬ę, 1967), in der er kurz als Steward auftritt, 1969 komponierte er die Musik f√ľr die Tonfassung von ¬ĽDer Zirkus¬ę.
 
1954 erhielt er den Preis des Weltfriedensrates, 1962 wurde er Ehrendoktor der Universit√§t Oxford, 1971 Mitglied der franz√∂sischen Ehrenlegion, 1972 bekam er in Venedig den Goldenen L√∂wen, und auch Hollywood vers√∂hnte sich mit dem ¬Ľeinzigen Genie, das der Film hervorgebracht hat¬ę (G. B. Shaw), und zeichnete ihn 1972 mit einem Ehren-Oscar f√ľr seine ¬Ľunsch√§tzbaren Verdienste um die Filmkunst¬ę aus. 1975 wurde er von K√∂nigin Elisabeth II. von England in den Adelsstand erhoben. Am 25. Dezember 1977 starb Sir Charles Spencer Chaplin in seinem Wohnsitz Manoir de Ban in Corsier-sur-Vevey.

Universal-Lexikon. 2012.

Schlagen Sie auch in anderen W√∂rterb√ľchern nach:

  • Charles Chaplin ‚ÄĒ in der Rolle des Tramp, um 1918 Sir Charles Chaplin, KBE Charles Spencer Chaplin Jr., bekannt als Charlie Chaplin; (* 16. April 1889 in London; ‚Ć 25. Dezember 1977 in Vevey, Schweiz) war ein britischer Komi ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Charles Chaplin, Jr. ‚ÄĒ Charles Chaplin, Jr. Birth name Charles Spencer Chaplin Jr. Born 5 May 1925(1925 05 05) Beverly Hills, California, US Died 20 March 1968(1968 03 20) (aged 42) Hollywood, California ‚Ķ   Wikipedia

  • Charles Chaplin ‚ÄĒ Para otros usos de este t√©rmino, v√©ase Chaplin (desambiguaci√≥n). Charles Chaplin ‚Ķ   Wikipedia Espa√Īol

  • Charles Chaplin ‚ÄĒ Charlie Chaplin ¬ę Charles Chaplin ¬Ľ et ¬ę Chaplin ¬Ľ redirigent ici. Pour les autres sens, voir Chaplin (homonymie). Charlie Chaplin ‚Ķ   Wikip√©dia en Fran√ßais

  • Charles Chaplin ‚ÄĒ n. Sir Charles Chaplin, Sir Charles Spencer Charlie Chaplin (1889 1977) English born USA comedy and film star ‚Ķ   English contemporary dictionary

  • Charles Chaplin (Peintre) ‚ÄĒ Pour les articles homonymes, voir Chaplin (homonymie). Charles Chaplin. P ‚Ķ   Wikip√©dia en Fran√ßais

  • Charles chaplin (peintre) ‚ÄĒ Pour les articles homonymes, voir Chaplin (homonymie). Charles Chaplin. P ‚Ķ   Wikip√©dia en Fran√ßais

  • Charles Chaplin junior ‚ÄĒ (* 5. Mai 1925 in Beverly Hills, USA; ‚Ć 20. M√§rz 1968 in Hollywood, USA) war ein US amerikanischer Schauspieler. Inhaltsverzeichnis 1 Leben und Familie 2 Ver√∂ffentlichung 2.1 ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Charles Chaplin (Begriffskl√§rung) ‚ÄĒ Charles Chaplin ist der Name folgender Personen: Charles Chaplin (1889‚Äď1977), bekannt als Charlie Chaplin, englischer Schauspieler Charles Chaplin (Maler) (1825‚Äď1891), franz√∂sischer Maler und Kupferstecher Charles Chaplin junior (1925‚Äď1968),… ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Charles Chaplin (disambiguation) ‚ÄĒ Charlie Chaplin is an English comedy actor. Charles or Charlie Chaplin is also the name of: Charles Chaplin (artist) (1907‚Äď1987), English artist, engraver and printmaker Charles Chaplin (elder) (1759‚Äď1816), British Member of Parliament for… ‚Ķ   Wikipedia


Share the article and excerpts

Direct link
… Do a right-click on the link above
and select ‚ÄúCopy Link‚ÄĚ

We are using cookies for the best presentation of our site. Continuing to use this site, you agree with this.